Autor Thema: Wachstumszwang, Arbeitssucht (wider das "Recht auf Arbeit")  (Gelesen 1155 mal)

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Wachstumszwang, Arbeitssucht (wider das "Recht auf Arbeit")
« am: 23. September 2015, 19:57:24 »
In der Mailingliste der AG Geldordnung und Finanzpolitik  schreibt "moneymind" auf die Vorlage von "Axel"

Axel:
Zitat
> Jedes Jahr mehr leisten als im Jahr zuvor auch dann, wenn alles schon im Überfluss hergestellt und gedienstleistet wird. Mehr, jedes Jahr mehr als im Jahr zuvor. Das Wachstumsdogma ist extrem tief verankert.


Genau, Wachstumsssucht und Arbeitssucht sind Zivilsationskrankheiten der auf Eigentum, Vertrag und Kredit beruhenden Zivilisation. Arbeitslosigkeit ist kein Problem - die Top 1% SIND arbeitslos. Aber nicht einkommenslos und deswegen sozial isoliert - DAS ist das Problem.

Natürlich wird all das in der Diskussion um den "Arbeitsmarkt" - also den "Markt" für Menschen - komplett ignoriert und nur verschämt an den Graubereich der "Sozialarbeiter", "Psychologen", des "Sozialamts", "Arbeitsamts" bzw. die "Arbeitsagentur" weitergereicht.

David hat neulich mal drauf hingewiesen, daß Depression oft eine wirtschaftlich bedingte "Krankheit" ist - siehe gestiegene Selbstmordrate in Griechenland. Depression ist ÜBERHAUPT keine "Krankheit", sondern eine Befindlichkeit.

Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx, hat gegen das "Recht auf Arbeit" von 1848 wunderbar polemisiert:

/"Eine seltsame *Sucht* beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und Massenelend zur Folge hat, quält die traurige Menschheit seit zwei Jahrhunderten. *Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit*, die rasende Arbeitssucht, getrieben bis zur Erschöpfung der Lebensenergie des Einzelnen und seiner Nachkommen. *Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen*. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verworfen hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht. Ich, der ich weder Christ, noch Ökonom, noch Moralist bin, ich appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vorschriften ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die schauerlichen Folgen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft.

In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeit die Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung. Man vergleiche die von einem menschlichen Dienerpack bedienten Vollblutpferde in den Ställen eines Rothschild mit den schwerfälligen normannischen Gäulen, welche das Land beackern, den Mistwagen ziehen und die Ernte einfahren. *Man betrachte den edlen Wilden, wenn ihn die Missionare des Handels und die Vertreter in Glaubensartikeln noch nicht durch Christentum, Syphilis und das Dogma der Arbeit verdorben haben, und dann vergleiche man mit ihm unsere elenden Maschinensklaven*. [3]

*Will man in unserem zivilisierten Europa noch eine Spur der ursprünglichen Schönheit des Menschen finden, so muß man zu den Nationen gehen, bei denen das wirtschaftliche Vorurteil den Haß gegen die Arbeit noch nicht ausgerottet hat.* *SPANIEN*, das -ach!- verkommt, darf sich rühmen, weniger Fabriken zu besitzen als wir Gefängnisse und Kasernen; aber der Künstler genießt, den kühnen, kastanienbraunen, gleich Stahl elastischen Andalusier zu bewundern; und unser Herz schlägt höher, wenn wir den in seinem durchlöcherten Umhang majestätisch bekleideten Bettler einen Herzog von Orsana mit »Amigo« anreden hören. Für den Spanier, in dem das ursprüngliche Tier noch nicht ertötet ist, ist die Arbeit die schlimmste Sklaverei. [4] Auch die *GRIECHEN* hatten in der Zeit ihrer höchsten Blüte nur *Verachtung für die Arbeit; den Sklaven allein war es gestattet zu arbeiten, der freie Mann kannte nur körperliche Übungen und Spiele des Geistes*. Das war die Zeit eines Aristoteles, eines Phidias, eines Aristophanes, die Zeit, da eine Handvoll Tapferer bei Marathon die Horden Asiens vernichtete, welches Alexander bald darauf eroberte. *Die Philosophen des Altertums lehrten die Verachtung der Arbeit, diese Herabwürdigung des freien Menschen*; die Dichter besangen die Faulheit, diese Gabe der Götter:
»O Meliboea, Deus nobis haec otia fecit.« [5] " / (http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm)

Noch deutlicher beschreibt Albert Schweitzer aus seiner unmittelbaren Erfahrung in Afrika dieses Phänomen:

/"Arbeiter sind nirgends schwerer zu finden als unter den primitiven Völkern, und werden im Verhältnis zur Arbeitsleistung nirgends so teuer bezahlt wie hier.Dies kommt von der Faulheit der Neger, sagt man. Ab er ist der Neger wirklich so faul? Liegt das Problem nicht tiefer?

Wer einmal die Leute eines Negerdorfes gesehen hat, wenn sie ein Stück Urwald ausroden, um eine neue Pflanzung anzulegen, der weiß, daß sie imstande sind, wochenlang mit Eifer und unter Anspannung aller Kräfte zu arbeiten. Zu dieser härtesten aller Arbeiten – um dies nebenbei zu sagen – ist jedes Dorf alle drei Jahre genötigt. Die hohen Stauden, an denen die Bananen wachsen, verbrauchen den Boden außerordentlich schnell. Darum muß alle drei Jahre eine neue, durch die Asche des abgehauenen und verbrannten Urwaldes gedüngte Pflanzung angelegt werden. Was mich angeht, so wage ich nicht mehr, unbefangen von der Faulheit der Neger zu reden, seitdem mir fünfzehn Schwarze in fast ununterbrochenem, sechsunddreißigstündigem Rudern einen schwerkranken Weißen den Strom heraufbrachten.

Der Neger arbeitet unter Umständen also sehr gut ... aber er arbeitet nur so viel, als die Umstände von ihm verlangen. Das Naturkind, und dies ist des Rätsels Lösung, ist immer nur Gelegenheitsarbeiter.

Bei geringer Arbeit liefert die Natur dem Eingeborenen so ziemlich alles, was er zu seinem Unterhalt im Dorfe braucht. Der Wald bietet ihm Holz, Bambus, Raphia und Bast zum Herstellen einer Hütte, die ihn gegen Sonne und Regen schützt. Er braucht nur noch etwas Bananen und Maniok zu pflanzen, zu fischen und auf die Jagd zu gehen, so hat er das Notwendige beisammen, ohne sich als Arbeiter verdin gen und regelmäßig verdienen zu müssen.

(...)

Der Neger ist nicht faul, sondern er ist ein Freier. Darum ist er immer nur ein Gelegenheitsarbeiter, mit dem kein geordneter Betrieb möglich ist. Dies erlebt der Missionar auf der Station und in seinem Hause im kleinen und der Pflanzer oder der Kaufmann im großen. Wenn mein Koch Geld genug beisammen hat, um die Wünsche seiner Frau und seiner Schwiegermutter zu befriedigen, geht er davon, ohne Rücksicht darauf, ob wir ihn notwendig brauchen. Der Plantagenbesitzer wird von seinen Arbeitern gerade in der kritischen Zeit verlassen, wo es gilt, die dem Kakao schädlichen Insekten zu bekämpfen.

(...)

Es besteht also ein furchtbarer Konflikt zwischen den Bedürfnissen des Handels und der Tatsache, daß das Naturkind ein Freier ist. Der Reichtum des Landes kann nicht ausgebeutet werden, weil der Neger nur ein geringes Interesse daran hat. Wie ihn zur Arbeit erziehen? Wie ihn zur Arbeit zwingen?

„Schaffen wir ihm möglichst viel Bedürfnisse, so wird er möglichst viel arbeiten“, sagen der Staat und der Handel miteinander. Der Staat gibt ihm unfreiwillige Bedürfnisse in Gestalt von Steuern.

Hier zahlt jeder Erwachsene über vierzehn Jahre eine Kopfsteuer von fünf Franken, und man redet davon, dieselbe auf das Doppelte zu erhöhen. Ein Mann, der zwei Frauen und sieben über vierzehn Jahre alte Kinder hat, wird dann hundert Franken im Jahr zusammen--bringen und dafür dem Handel entsprechend viel Arbeit leisten oder Produkte liefern müssen. Der Kaufmann schafft dem Neger Bedürfnisse, indem er ihm Waren anbietet: nützliche wie Stoffe, Werkzeuge, unnötige wie Tabak und Toilettenartikel, schädliche wie Alkohol. (Albert Schweitzer 1914: Soziale Probleme in Afrika http://gellhardt.de/literatur/Soziale_Probleme_in_Afrika.pdf) /

Jetzt die Frage an Axel:

Mit welchem Mittel willst Du die Arbeitssucht und Arbeitszwang - Zwang zur Mehrarbeit (z.B. Erhöhung des Rentenalters etc.) in den Griff kriegen? Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich? Durchgesetzt von wem, auf welcher Ebene? National? International? Lokal?

Beste Grüße
Rudi